"STOP ECOCIDE - START GOOD LIVING" mit ACTeasy

Kongress-Beitrags-Beschreibung:
IN DIESEM PANEL ERFORSCHEN WIR KÜNSTLERISCH DEN RAUM ZWISCHEN DER ZERSTÖRUNG VON LEBEN UND DEM, WAS WIR UNTER EINEM GUTEN, NACHHALTIGEN LEBEN VERSTEHEN.
ES GEHT DARUM, JETZT GEMEINSAM ZU PERFORMEN, UM GESELLSCHAFT NACHHALTIG ZU TRANSFORMIEREN, DAMIT DAS LEBEN AUF DIESEM PLANENTEN IN SEINER VIELFALT ÜBERLEBEN KANN. WIR SUCHEN MIT ACTEASY E.V. AUS MARBURG NACH GEMEINSAMEN PERFORMATIVEN ZUGÄNGEN UND THEATRALEN FORMEN FÜR KOORDINIERTE AKTIONEN UND PERFORMANCES ÜBER ALLE GRENZEN:
LET’S ACT TOGETHER, RIGHT NOW!
WIR SCHAFFEN RAUM DAFÜR, MITEINANDER IDEEN FÜR NACHHALTIGE SCHULTHEATERPROJEKTE UND WELTWEITE KOOPERATION ZU TEILEN, UM GEMEINSAM MIT UNSEREN SCHÜLER*INNEN GESELLSCHAFT FÜR MORGEN ZU GESTALTEN UND ZUKUNFT ZU PERFORMEN.

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Beitrag von Tina Ungerer

Zum Panel „Stop Ecocide – Start good living mit der Gruppe Acteasy Die Sache mit dem Müll.

Das Panel wurde von drei Mitgliedern der Gruppe Acteasy aus Marburg ausgerichtet. Diese hatte anlässlich des 800sten Geburtstags der Stadt den Auftrag, performative Interventionen im Stadtraum zu entwickeln. Das Thema, im weiteren Sinne, war Umweltverschmutzung und deren Auswirkung auf die Fauna. Was macht es Tieren / der Fauna aus, wenn überall Müll herumliegt? Wie leben/reagieren sie auf Müll? In der Performance wurde dann von individuell entwickelten Tiercharakteren Müll eingesammelt.
Hier entsteht bei mir eine Verständnislücke:
Was erzielt der Mensch, wenn er sich durch, wie im Workshop durch eine sehr gelungene Anleitung, in ein Tier/ anderes Wesen verwandelt und in dieser neuen Rolle, kostümiert (oder nicht), beginnt, den Müll der Menschen einzusammeln?
Diese Transformation in ein anderes Wesen wird, wenn man diese Performance z.B. in Schule ausprobiert, auf sehr pädagogisierende Weise missbraucht, wenn junge Menschen anfangen, in ihrem neuen Tier - Charakter „etwas Gutes zu tun“, im Namen der Umwelt und dem guten Leben, das wir (Menschen) dann in ferner Zukunft haben werden. Der inhaltliche Verlust, der meiner Wahrnehmung nach hier entstanden ist, geschieht leicht, wenn man sich thematisch einer populären Idee unterwirft bzw. diese als – gerechtfertigter Weise! - anzuprangern für nötig hält. Ich denke, viele Menschen wissen, dass viel Müll in der Umwelt ist und die Fauna bedroht und vernichtet. Viele aktuelle Themen werden sicher gerade von jungen Menschen als extrem Angst einflößend, beunruhigend, unlösbar wahrgenommen. Um das Gefühl von Ohnmacht gegenüber dem Weltgeschehen zu bewältigen, ist Theater / sind Performances zu gestalten immer eine gute Idee. Wäre es daher nicht umso wichtiger, die generelle Wirkung von Kunst zu nutzen, um neue Perspektiven zu entwickeln? Die Welt zu verschieben? Braucht der Mensch zum Müll aufsammeln Tiere? Und was braucht eigentlich so ein Tier?

Meine Blitzlichter zu: Stop ecocite - start good living mit ACTEASY (Marburg)

  1. Verzauberung:
    Ein Vogel, ein Molch und eine Krähe empfangen uns. Es entsteht eine ruhige, verzaubernde und doch leicht bedrohliche Atmosphäre, nicht zuletzt weil wir eigentlich von Müll empfangen werden. Das merken wir erst, als immer mehr davon auf dem Weg zu den Tieren liegt, und weil die Tiere in den übergroßen, wunderbar poetischen Kostümen ausdrücklich und herausfordernd Kontakt mit uns aufnehmen. Liegt es an uns Lehrer*innen, dass viele den Impuls verspüren, den Müll zu aufsammeln, obwohl es dieses Mal gar nicht ins Konzept passt?

  2. Verwandlung:
    Mit Warm-up-Übungen und einer Fantasiereise werden wir selbst zu Tieren. Wenig später „schlafen“ wir und erwachen als ein Tier-Wesen, für das wir uns spontan entscheiden, weil es gerade jetzt zu uns passt. Wir nehmen Kontakt mit den anderen Tier-Wesen auf. Vor manchen haben wir Angst, andere mögen wir. Wir sprechen nicht, wir reagieren schweigend aufeinander. So kommt es, dass eine Katze von einer Qualle gestreichelt wird und beide das sehr schön finden (wer hier wen streichelt, bringt erst die Sondierung zu Tage). Es bleibt magisch. Fast tänzerisch und in jedem Fall befreiend vergnügt ist die Phase, in der alle Wesen miteinander mit dem Müll spielen.

  3. Sondierung:
    Wir tauschen uns zunächst in kleinen Zufallsgruppen über die Verwandlung aus. Was wir vorher schon gespürt haben, wird dann im Plenum in Worte gefasst, nämlich dass das Tänzerische und Verspielte der Übung vielen gefallen hat. Spannend scheint für die meisten die Frage nach dem Zwischenraum: Wie wird der Raum zwischen Tier und Wesen und Mensch gefüllt: Die Krähe würde genussvoll von der alten Bananenschale fressen, der Mensch mit Sicherheit nicht: Wie also verhalte ich mich als Krähe – im öffentlichen Raum? Braucht es da ein Zwischenwesen? Hier liegt kreatives Potential. Offen bleibt: Schaffen wir es, mit SS so wunderbare Kostüme herzustellen? Was hier gelungen ist, gelingt uns das auch mit SS: die Auseinandersetzung mit Müll ohne moralischen Zeigefinger?
    Einige haben spontan Ideen, wie sie mit ihren Schüler*innen arbeiten möchten: Ein Müllprojekt im Wedding wird umrissen. Vielleicht wäre es eine Idee, Müll, vor dem man sich ekelt, nicht in ein haptisches Spiel zu integrieren, sondern mit Spühfarbe zu umranden und so zu einem besonderen Objekt zu machen, das unsere Aufmerksamkeit braucht. Auch die Aussprache am Folgetag zeigt, dass der Workshop ein Feuerwerk von Ideen freigesetzt hat. Das könnt ihr auf dem Padlet nachlesen.

Vielen Dank an die phantastischen Tierwesen, die uns unprätentiös, partizipativ, empathisch und zauberhaft durch den Workshop geleitet haben.

Kerstin Sonnenwald

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Liebe Tina Ungerer, so wie ich das Projekt „Fauna Rising“ verstanden habe, geht es nicht darum, Jugendliche durch Transformation in Tierwesen zum Müllsammeln anzuhalten. Es geht eher darum, einen nachhaltigen Perspektivwechsel zu vollziehen: Müll als etwas Wertiges zu begreifen, was durch Menschen nachhaltig in der Welt ist, womit wir umgehen lernen müssen und was wir transformieren können, indem wir es uns z.B. in Tierkostümen anverwandeln, dem Müll eine neue Bedeutung geben. Und da Müll in solchem Reichtum von uns produziert wird, dass er das Leben auf dieser Welt bedroht, sollten wir weitere Produktion vermeiden und überlegen, wie wir die Müllberge dieser Welt nachhaltig transformieren können, so dass ein gutes, nachhaltiges Leben möglich wird. Das wäre für mich die politische Aussage dieses Projekts.

ACTeasy e.V. stellte die umweltaktivistische Theaterperformance „Fauna Rising“ vor:

Performen im Zwischenraum: Verbindung spüren – Akzeptanz schaffen – Transformation erleben

Wir stehen zwischen dem entschiedenen „Stop!“ zur Zerstörung des Lebens und dem, was wir unter einem guten, nachhaltigen Leben verstehen. Was passiert am Übergang? Was benötigen wir, damit er gelingt?

Mit unserer Kunst suchen wir nach Möglichkeiten der Verbindung untereinander, zu uns selbst, zu der Welt, die uns umgibt. Wir akzeptieren den Ist-Zustand und finden einen lustvollen, ästhetischen Umgang mit dem, was unsere Gegenwart bereithält. Schrott und Müll inspirieren uns, wir gewinnen einen neuen Blick, transformieren unsere Um-Welt und uns, stellen Fragen, (inter-)agieren zwischen Provokation und Liebe, zwischen Rebellion und Versöhnung, zwischen Schmerz und Hoffnung.

„Fauna Rising“ (2022, entwickelt für und gefördert durch das Stadtjubiläum MR800) ist eine Streetart-Performance mit expliziter Umweltthematik: wir erschaffen mythische Halbwesen, „Menschentiere“, angetrieben von einem Kampf ums Überleben des Planeten. Eine zentrale Aufgabe der Wesen ist der Clean-Up. Sie sammeln Müll: funkelndes Plastik, stinkende Kippen, faszinierenden Schrott. Mal wird er entsorgt, mal verwertet…mal verspielt, mal zornig. Die Zuschauenden erleben aber noch eine Reihe weiterer (Inter-)Aktionen, die über die Thematik des Müllaufsammelns hinausdeuten. Jedes Wesen ist individuell, mal treffen tiefe Blicke, mal werden Sandbilder gemalt, oder die Hyäne setzt sich zum Kaffee mit an den Tisch. „Symbiose oder Apokalypse?!“ – der Untertitel des Projekts kann Einladung, Forderung oder Drohung sein.

Unsere Vision: Landesweit (und irgendwann global) tauchen Tierwesen auf - „Bildet Rudel!“

Unser Ziel: Den globalen Wandel mit Verzauberung und emotionaler Tiefe zu inspirieren – und zu beschleunigen! Wir müssen noch mutiger werden – das geht nur mit Verbindung.

Unser Wunsch: In bundesweiten (und irgendwann globalen) Kooperationen Schultheaterprojekte zum Thema „Fauna Rising“ entstehen zu sehen, zu initiieren, zu begleiten, und Ideen weiter wachsen zu lassen.

Wir freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit!

ACTeasy e.V. / Deutschhausstr. 29a / 35037 Marburg

www.acteasy.eu / info@acteasy.eu / @acteasy_marburg (#faunarising)

Weitere Infos und Fotos zu Fauna Rising: Marburg800 // Fauna Rising

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Liebe Tina,

vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses differenzierte Feedback genommen hast! Es ist schön, den Faden aus dem Panel nochmal aufzugreifen.

Ich schätze deine Ehrlichkeit und kann deine Gedanken nachvollziehen. Gleichzeitig halte ich deine Sichtweise auf unser Projekt für verkürzt. Ich denke, dass das Panel-Skript, in dem auch die Benefits des Projekts im Zusammenhang mit „Stop Ecocide“ und dem viel genannten „Zwischenraum“ aufgelistet sind, sowie vielleicht ein Blick auf die Projektseite, dir bereits helfen, die „Verständnislücke“, von der du gesprochen hast, zu schließen. An einigen Stellen schmerzt deine Kritik, das gebe ich ehrlich zu. Sie fordert aber auch auf sehr konstruktive Art, und wo ein wunder Punkt getroffen wird, liegt ja vor allem…Entwicklungspotential :slight_smile:

Ich persönlich bin überzeugt davon, dass unser Projekt all das beinhaltet, was du hier zunächst vermisst, und sogar noch mehr. Ebenfalls überzeugt bin ich, dass wir darin weder moralisierend noch pädagogisierend sind. Dabei sind zwei Dinge allerdings sehr wichtig, die du glaube ich nicht präsent hattest – die wir vielleicht in der kurzen Zeit auch nicht deutlich genug gemacht haben. Erstens sind die Kreaturen aus Fauna Rising „Halbwesen“ zwischen Mensch und Tier. Die Rollenarbeit bringt die Menschen in eine Auseinandersetzung mit sich selbst und die entstehenden, komplexen Figuren sind weitaus mehr als Menschen, die sich als Tiere verkleiden. Ebenso ist das Müllaufsammeln zwar ein zentraler Aufhänger für die Performance, aber sie enthält auch noch viele weitere Elemente. Zum Beispiel gehe ich als Uhu immer wieder in den intensiven Blickkontakt zu Zuschauenden, die Hyäne albert bedürfnisorientiert herum, die Raupe verpuppt sich gutgelaunt in einem Kokon aus Müll. Die Kostüme der Wesen implizieren das Verwachsen mit (die Optimierung durch / die Verletzung durch) den Schrott der Gegenwart, aber das Rudel hat auch eine Faszination für die Menschen und ihre Dinge. Der schmale Grat zum erhobenen Zeigefinger hat uns von Beginn an begleitet – als Feedback haben wir bisher häufig gehört, dass Fauna Rising ihn eben nicht erhebt. Dass die Tierwesen nicht besser oder schlechter sind als die Menschen, wird finde ich an vielen Stellen deutlich.

Das Auffangen einer bedrohlichen, emotional destabilisierenden Gegenwart ist uns ein Anliegen – und nicht, etwas Offensichtliches noch einmal zu sagen oder Schuldzuweisungen zu machen. Dennoch dürfen die Wesen auch anklagen – das macht sie handlungsfähiger als die Menschen, die allzu oft in der Blockade ihrer eigenen Schuldgefühle verharren. Die Tierwesen sind weit davon entfernt, „perfekt“ im Sinne des Good Living zu sein – aber sie dürfen zumindest ihre Gefühle zeigen. Es ist genau die Gegenwartsbewältigung, die du auch am Ende ansprichst, die ich im Projekt absolut sehe. Den von mir als Vorwurf gelesenen Ausdruck, wir würden uns „einer populären Idee unterwerfen“, möchte ich wirklich nicht annehmen. Allerdings würde ich hier gerne einen Impuls setzen: Gelder fließen oft für ebensolche Ideen. Und: Müll aufsammeln mag abgedroschen sein (und trotzdem superwichtig), aber die Tierwesen besitzen eine hohe Faszination und Handlungsaufforderung für Teilnehmende sowie Zuschauende, und in der Erarbeitung einen inklusiven Charakter sondergleichen. Wenn wir Protest und Aktivismus in die gesamte Gesellschaft tragen wollen, brauchen wir niedrigschwellige Partizipation und aufsuchende Kunst. Fauna Rising ist komplex und mehrdeutig – von Menschen, die die Rezeption von Kunst nicht gewohnt sind (und einen Bruch gar nicht unbedingt verstehen würden), können aber die oberflächlichen Bedeutungen problemlos wahrgenommen werden.

Was meinst du denn genau mit „genereller Wirkung von Kunst“? Neue Perspektiven zu entwickeln, Handlungsfähigkeit und Optimismus zurückzugewinnen sind ja deutliche Ziele des Projekts sowie insgesamt unseres Vereins.

Kannst du mit diesen Ausführungen (vielleicht in Ergänzung zum Skript) etwas anfangen? Ich bin sehr gespannt auf deine Rückmeldung und hoffe, ich konnte ein bisschen mehr Klarheit bringen.

Sehr liebe Grüße aus Marburg!

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Liebe Kerstin,

vielen Dank für das wunderbare Feedback und die Zusammenfassung unserer Session. Es hat uns wirklich alle sehr gefreut, dass du etwas für dich aus dem Panel mitnehmen konntest, und du findest so schöne Worte, die mich wirklich rühren.

Ich möchte auf ein paar Dinge eingehen und zitiere dann mal kurz dich, das ist einfacher.

„Liegt es an uns Lehrer*innen, dass viele den Impuls verspüren, den Müll zu aufsammeln, obwohl es dieses Mal gar nicht ins Konzept passt?“ – Ich glaube nicht: während der Performances kamen ab und zu Menschen (meist Kinder) und wollten uns helfen. Beim Kongress waren wir außerdem zum ersten Mal in einem Innenraum – wenn in so einem Lokal Müll herumliegt, halten wir es vielleicht schwerer aus?

„Braucht es da ein Zwischenwesen?“ – Ja! Tatsächlich sind unsere Tiere eigentlich „Halbwesen“ und dürfen sich absolut im Spektrum bewegen. Diesen Aspekt (der vielleicht bei Anwesenheit mehrerer Wesen sichtbarer ist) wollen wir in Zukunft noch ausbauen und stärker betonen. Schön, dass diese Reflexionen dazu bei dir angestoßen wurden!

„Schaffen wir es, mit SS so wunderbare Kostüme herzustellen?“ Diese Frage beschäftigt uns natürlich auch. Die Antwort ist ja, weil auch mit viel weniger Mitteln als einer aufwändigen Maske oder Drahtflügeln schon tolle Effekte erzielt werden können – schau mal den Fuchs an, da gibt es Fotos auf der Website. Und die Antwort ist nein, wenn es um aufwändige Kostüme und kurze Projekte geht. Wir haben schon ein paar Ideen für die Umsetzung an Schulen gesammelt. Mit etwas Glück kann ich im Frühjahr etwas 4-tägiges ausprobieren, dann bin ich auch schlauer. In größeren Lerngruppen könnten Schüler:innen, die nicht gern darstellen, sich um Kostüm (und Make-Up) kümmern. Etc. – darüber folgt sicher noch Austausch und neuer Input von uns.

Schau gerne auch noch in unser Skript wenn es verfügbar ist, da stehen auch noch einige Dinge drin.

Erstmal alles Liebe aus Marburg!